La notte di San Lorenzo – Vittorio & Paolo Taviani

Jeder, der sich in der Filmwelt ein Stück weit links und rechts der Hollywoodproduktionen bewegt, ist auf den Namen der Brüder höchstwahrscheinlich schon mal gestoßen. Ich gehe aber auch jede Wette ein, dass es sich bei 8 von 10 Kontakten mit den Regisseuren um den Film Kaos drehte. 

La notte di San Lorenzo ist, anders als Kaos, ein persönliches Anliegen der Tavianibrüder. Der Film wurde 1982 produziert, spielt aber im Jahr 1944. Die Brüder waren damals Kinder und erfuhren den Zweiten Weltkrieg in ihrer Heimat, der Toskana, am eigenen Leib. In La notte di San Lorenzo verfilmen die Regisseure die Geschehnisse in und um ihren Heimatort San Miniato, dass sie im Film San Marino nennen. Es geht um die Flucht einer Gruppe von Dorfbewohnern vor den Faschisten, die den Befehl Hitlers ausführen und die Dörfer die sie eingenommen haben zerstören. Einerseits sollte dies dazu dienen, den immer näher kommenden Alliierten den Weg zu erschweren, hauptsächlich war es aber Rache und Vergeltung für den angeblichen Verrat am deutschen Volk, was als Eintreiben von Repressalien benannt wurde. Das Endergebnis treibt den Zuschauer durch zahlreiche Zustände aller Emotionen. Der Film wird zudem aus der Erinnerung eines Mädchens erzählt, das im Film etwas jünger ist, als es die Brüder 1944 selbst waren. So werden dramatische Kriegshandlungen mit Träumen und kindlichen Vorstellungen vermischt. Es ist nicht nur so, dass der Film in vielen Nennungen der Tavianis gar nicht erwähnt wird, dort wo er genannt wird, ist es häufig auf die filmisch am eindrucksvollsten dargestellte Szene reduziert. Hierbei handelt es sich um das Aufeinandertreffen der italienischen Partisanen mit den Anhängern Mussolinis und Hitlers in einem Weizenfeld. Wenn man aber die historischen Geschehnisse in den Kontext des Films zieht, würde ich mir wünschen, dass wenn der Film schon stark reduziert präsentiert wird, dies auf die Szenen, die von den Explosionen im Dom von San Miniato (bzw. San Martino) handeln geschieht. Warum? Ganz einfach aufgrund der historischen Brisanz die dahinter steckt. Im Film werden interpretierbare Anspielungen gemacht, bevor Knalle, Rauchwolken und blutverschmierte Menschen aus dem Dom stolpern, die darauf hindeuten, dass die Faschisten, die auch das Dorf gesprengt haben, für die Tragödie bei der mindestens 55 Menschen ihr Leben im Dom von San Miniato verloren verantwortlich sind. Wie gesagt, muss dies aus den Szenen bis zu den Detonationen zwar interpretiert werden, die Anspielungen sind aber durchaus offensichtlich von den Regisseuren eingebaut worden.




Sie spiegeln damit auch die Anschuldigungen aus dem Volk und sogar das Ergebnis einer offiziell anberaumten internationalen Untersuchungskommission aus dem Jahr 1946 wider. Dennoch wird an dieser Stelle deutlich, dass der teilweise dokumentarisch anmutende Film, nicht den obligatorischen Teil der Aufklärung einer Dokumentation nachkommt. Grundsätzlich war eine Aufklärung der Umstände durchaus möglich, was das im Jahr 2000 erschienene Werk von Paolo Paoletti ‚1944 San Miniato. Tutta la verità sulla strage‘ beweist. Fünf Jahre lang hat Paoletti alte Kriegstagebücher, Kommandosprüche, Aussagen von Augenzeugen und Bildmaterial ausgewertet bis es keine Zweifel mehr gab. Ein Geschoss ist durch ein Fenster des Gotteshauses geflogen und ist für die mindestens 55 Opfer verantwortlich. Es gab von Anfang an einige Zweifel an der Beteiligung der Faschisten und die Aufzeichnungen reichten letztendlich dazu aus zu bestimmen, dass nur die Artillerie der Alliierten zum Zeitpunkt der Explosion aktiv war. Die Faschisten, die man trotz alledem niemals unschuldig nennen sollte, standen also nicht im direkten Zusammenhang mit dem Unglück, dass durch einen Querschläger der Retter und Befreier Italiens ausgelöst wurde.
Meine Abhandlung ist nun etwas länger ausgefallen, als die meisten Einträge zum Film in Lexika oder der Filmliteratur. Ich hoffe, dass ‚La notte di San Lorenzo‘ in Zukunft nicht völlig in Vergessenheit gerät und vielleicht doch noch stärker als eines der Meisterwerke von Paolo und Vittorio Taviani angesehen wird, als es bis heute der Fall ist. Ich bin froh diesen Film als Grundlage für meine Bachelorarbeit benutzt zu haben, auch wenn es garantiert leichtere Werke gegeben hätte. Solltet ihr weitere Fragen zum Film, oder eine Empfehlung für einen ähnlich unbekannten Film mit großem Potential, haben schreibt mir doch einfach einen Kommentar oder eine Mail.

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